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Kapitel 2 Robert Blum

2. Kapitel – Erste Eindrücke des Hingerichteten im Jenseits. Bewußtwerden des Lebensgefühls.

[RB 1.2.1] Nun fragt es sich: Wie kam seine Seele und sein Geist in der ewigen Geisterwelt an? Wie befindet er sich dort? Und was tut er?

[RB 1.2.2] Es muß hier bemerkt werden, daß die meisten, ihr irdisches Leben durch ein Strafgericht gewaltsam Einbüßenden in der Geisterwelt mit dem größten Zorne und Rachegefühle gegen ihre Richter wie Flüchtlinge ankommen und eine Zeitlang wie völlig Rasende umhertaumeln, was von ihrem großen Zorne und übermäßigen Rachedurste herrührt. - Aus diesem Grunde werden solche Überkömmlinge, so sie wirkliche Verbrecher wider Gottes Gebote, also im Grunde Böse sind, alsogleich zur Hölle getrieben, die ihr eigentliches Element ist, um dort ihre Rache zu kühlen. Aus ihr kehren sie aber, so ihre Rache einigermaßen abgekühlt ist, wieder in die eigentliche Geisterwelt zurück und beginnen da von neuem, freilich auf notwendig sehr beschränkten Wegen, ihre Freiheitsprobe durchzumachen.

[RB 1.2.3] Geister aber, wie der unseres Mannes, die bloß als politische, also rein weltliche Verbrecher gegen weltliche Gesetze, die freilich auch mit den Gottesgesetzen im Verbande stehen, weltlich gerichtet drüben ankommen, werden anfangs bloß in einen lichtlosen Zustand versetzt, in dem sie sich wie Blinde befinden und somit auch keines Wesens ansichtig werden, an dem sie sich vergreifen und ihre blinde und große Rache kühlen würden. Denn großer Zorn und große Rache bewirken ja schon bei Menschen auf der (diesirdischen) Welt, daß sie förmlich blind werden vor Zorn und glühendster Rachewut; umsomehr bewirken diese argen Leidenschaften (jenseits) bei Seele und Geist, in denen sie auftauchen und zu Hause sind, den Zustand der gänzlichen Blindheit. In diesem Zustande werden solche Geister so lange belassen, bis sich mit der Weile ihre Rache in das Gefühl der Ohnmacht umwandelt, und die so tief gekränkte und beleidigte Seele im stets mehr auftauchenden Gefühle ihrer Ohnmacht zu weinen beginnt; welches Weinen zwar wohl auch dem Zorne entstammt, aber denselben nach und nach auch ableitet und schwächt.

[RB 1.2.4] Diesseits konnte unser Mann nichts mehr tun als bloß nur, da er für diese Welt alles als rein verloren ansehen mußte, so viel als möglich seine männliche Ehre retten. Aus diesem Grunde zeigte er sich auch bei seiner Hinrichtung so entschlossen und den Tod verachtend - was aber (in Wahrheit) durchaus nicht der Fall war, da er in sich wohl gar überaus stark die Schrecken des Todes fühlte, und das um so mehr, da er als ein fester Neukatholik an ein Leben der Seele nach dem Abfalle des Leibes durchaus nicht glaubte.

[RB 1.2.5] Aber in ungefähr 7 Stunden nach seiner Hinrichtung, da seine Seele sich gewisserart wieder zusammenklaubte, überzeugte er sich schnell von der Grundlosigkeit seines irdischen Glaubens und gewahrte gar bald nur zu unwidersprechlich, daß er fortlebe. Aber da verwandelte sich seine Überzeugung von dem individuellen Fortbestehen nach des Leibes Tode in einen andern Unglauben, und zwar also: - er meinte und behauptete nun bei sich, daß er wohl auf den Richtplatz hinausgeführt, aber blind (nur scheinbar) erschossen worden sei, um die vollkommene Todesangst auszustehen. Aber da auf ihn nur blind geschossen wurde, weshalb ihm auch der Offizier die Augen habe verbinden lassen, auf daß er nicht das leere In-die-Luft-schießen merken solle, - so sei er bloß vor Angst betäubt, zusammengesunken und von da in ganz bewußtlosem Zustande in einen finstern Kerker gebracht worden, von wo ihn eine starke Beschwerde von Deutschlands Bürgern sicher bald in die erwünschte Freiheit setzen würde.

[RB 1.2.6] Ihn stört nun bloß die starke Finsternis, (sein Aufenthaltsort erscheint ihm) als ein sehr finsteres Loch, das ihm jedoch nicht feucht und übelriechend vorkommt. Er befühlt sich auch die Füße und die Hände und findet, daß ihm nirgends Fesseln angelegt sind. Da er sich aber fessellos fühlt, so versucht er die Weite seines Kerkers zu untersuchen, und wie etwa der Boden beschaffen ist. Ob sich in seiner Nähe nicht etwa so ein heimliches Gericht vorfindet?!

[RB 1.2.7] Aber er staunt nicht wenig, als er fürs erste gar keines Bodens gewahr wird und ebensowenig irgendeiner Kerkerwand; und fürs zweite aber auch nicht irgend etwas von einer Hängematte finden kann, in der er sich etwa in einem freien Katakombenraume hängend befände.

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